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Apr 17 2021

Belm und Icker sind bunt! (Update: 26.04.2021)

NEIN aus Rom, JA in Belm!

Das Nein der vatikanischen Glaubenskongregation zur Segnung homosexueller Paare hat auch in Belm und Icker viele Gemeindemitglieder verärgert. Der Pfarrgemeinderat in Icker und der Pfarrgemeinderatsvorstand in Belm haben sich ausführlich mit dem Thema befasst und entschieden, einen Brief an Bischof Franz-Josef Bode zu schreiben. Darin erhoffen sich die Gremien ein klares Signal des Bistums gegen das Verbot aus Rom, fordern eine pastorale Praxis, die es ermöglicht, gleichgeschlechtliche Partnerschaften unter den Segen Gottes zu stellen. Gleichzeitig wird die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass die Erklärung, die formalrechtlich keine weitere Diskussion zulässt, die Reformprozesse „Synodaler Weg“ und „Kirche der Beteiligung“ beeinträchtigt. Auch deshalb sollte sich der Bischof positionieren. Hier geht es zum Wortlaut des Briefes. DOWLOAD BRIEF

 

Veranstaltungen zum Thema:
– Segen für alle? mit Dr. Martina Kreidler-Kos am Do 06.05.2021, 18 Uhr, ca. 1,5 h, Online. Kostenlose Anmeldung und Informationen finden Sie >>>HIER<<<.
– Über 50 Segnungsgottesdienste in ganz Deutschland um den 10. Mai: Weitere Informationen >>>HIER<<<
– Predigt zum 5. Ostersonntag – B – Pfarrkirche Belm, Thema:“ Jede Liebe verdient den Segen Gottes“, Von Gefängnispfarrer em. Otto Rüter,  Lesung: 1.Joh. 3, 18 – 24, Evang:  Joh. 15, 1 – 8

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wer in dieser Osterzeit zum Gottesdienst oder zu stillem Gebet in eine katholische Kirche will, „stolpert“ in Stadt und Land allenthalben über eine Regenbogenfahne, die einem vom Turm entgegen-flattert. So auch hier heute Morgen. Es ist sicher in der Geschichte dieser Jahrhunderte alten Pfarrkirche das erste Mal, dass es auf diese Weise einen wortlosen Protest gegen Rom gibt.

Der Zusammenhang: Aus heiterem Himmel – oder auch nicht – kam im März aus der römischen Zentrale das Nein zu Segnungen homosexueller Partnerschaften. Bei allem Verständnis, das den Homosexuellen in ihrer partnerschaftlichen Liebe wortreich entgegengebracht wird, könne Mann doch nicht dem Schöpferwillen Gottes widersprechen, den man nun in Rom in diesem „frauenlosen Terrarium“ (Uta Ranke Heinemann) genau und exklusiv kennt.  Das macht mich – mit vielen anderen – traurig und wütend zugleich, denn es ist erschreckend, mit welcher Arroganz und Ignoranz hier wieder Menschen diskriminiert  und ausgegrenzt werden, als wären sie dem Schöpfer mißglückt…Unter dem Deckmantel einer schneckenschleimigen Fürsorge wird jedem Betroffenen weltweit eine Ohrfeige verpaßt!

Im Rückblick auf mehr als vier Jahrzehnte priesterlichen Dienstes an vielen Orten stelle ich fest, dass ich ungezählte Rosenkränze, Häuser und Wohnungen, Autos und Motorräder, Hunde und andere Haustiere, ja auch neue Vollzugshäuser im Knast, und auch jeden Inhaftierten gesegnet habe, ohne Blick auf irgendwelche Straftaten, weil jeder eben Mensch ist und bleibt!; aber zwei Menschen, die sich lieben, soll ich nicht segnen dürfen?

Nun habe ich, als ich von diesem Gottesdienst zum Thema hier und heute nichts wußte, vor drei Wochen in Icker gesagt,dass es nichts schöneres gibt, als Menschen zu segnen; und dass ich mir Segensfeiern für Homosexuelle für den Rest meines Lebens nicht verbieten lasse!

Denn: Jesus Christus ist das Heil von Gott für alle Menschen!  (D.Emeis)

Nun fügt es sich seltsamerweise, dass ich vor über 30 Jahren genau hier in dieser Kirche, an diesem Ambo Fastenpredigten zur Christlichen Sexualmoral gehalten habe. Nun,meine Notizen von damals sind längst vergilbt und geschreddert, einen Computer gab es noch nicht, aber ich erinnere sehr wohl, dass ich damals reklamiert habe, dass die Kirche immer zu falschen sittlichen Urteilen kommt, wenn sie die Humanwissenschaften außer acht läßt und stumpf ignoriert. Und die Sexualität der Menschen habe ich mit verschiedenen Währungen und Münzen verglichen; nicht jeder Mann oder Frau hat jede frei zur Verfügung: Das ist schon der erste Denkfehler zu meinen, Homosexualität würde sich jemand auf dem Markt der Möglichkeiten frei aussuchen; im Gegenteil, es ist eine Prägung wie ein Fingerabdruck, es steht nicht im Belieben des Einzelnen!

Um nun nicht in die Ecke gestellt zu werden, vor denen uns unsere Großeltern immer gewarnt haben, möchte ich den Blick weit zurückwenden, nämlich auf den Dekalog, die 10 Gebote, die ja auch mal in unserem Land konsensfähig waren, aber die Kirche selbst hat ihr strahlendes Licht verdunkelt auch schon  lange vor der „verunglückten Pillenenzyklika“ von Papst Paul VI; immer wieder verhält sich der Vatikan und an vielen Orten die Bischöfe wie ein „doktrinärer Elefant im Porzellanladen“ (Bogner) (und alle meinen, das 6. Gebot sei das Wichtigste von allen; daran ändern auch seit Jahren Großväterchen Papst I und II nichts.!

Der Grundduktus aber ist dieser und der Leitsatz für alle 10 Gebote ist : Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus geführt hat!“ Dieser Gott lehrt seinem Volk Sätze wie Leitplanken, mit denen es seine Freiheit schützen und die Würde bewahren kann. Es sind alles Anweisungen  für das Leben im Land der Freiheit. Jede Auslegung der 10 Weisungen muß sich daran messen lassen: Vermehrt sie die Freiheit und die Würde der Menschen, oder wird sie verletzt und beschnitten; es sind eben Weisungen zu größerem Reichtum in Vielfalt für alle! ( Daher ist es ganz  sinnig, wenn nun die Regenbogenfahne am Kirchturm weht: Ist doch der Regenbogen das erste unwiderrufliche Bundeszeichen dessen, den wir Gott nennen! Und hatten wir in unserer Diözese nicht mal einen pastoralen Schwerpunkt mit dem Thema: Viele Farben hat SEIN Licht!“?? )

Das 6. Gebot empfiehlt oder verbietet keine besondere Art der Sexualität oder eine spezielle Lebensform; es gründet Gemeinschaft und Frieden; um des Friedens willen  soll es keine sexuelle Anarchie geben und die Menschen sollen einander ihre glücklichen / geglückten Beziehungen nicht zerstören. Aber das Denken in diesem luftdichten  Parallel-Universum Kirche – in dem jede wissenschaftliche Forschung ignoriert wird – verkennt die Absicht dieses Freiheitsgebotes und spricht vielen Menschen schlicht  das Recht auf Glück ab!

Dabei ist die Kirche selbst längst zwischen Australien und Chile und überall einem Taumelkäfer vergleichbar: sie taumelt von einem Skandal zum nächsten; der Mißbrauchsskandal geht nun schon mehr als 10 Jahre; und immer noch tun manche so, als als handle es sich bei dem massenhaften Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen um ein Kavaliersdelikt und nicht um höchst kriminelles Tun, um Verbrechen, die sofort in die Hände der staatlichen Justiz gehören und nicht ins Geheimfach eines Bischofs!

Die goldenen Fassaden der Kirche sind manchem bis heute wichtiger als die Wahrheit des Skandals und die  Empathie für die Opfer, die Zeit ihres Lebens stigmatisiert sind! Ich kann nicht erkennen, wie in Australien, Irland oder Köln ein Neuanfang gelingen soll, außer mit vielen Worthülsen, die nur die Macht kaschieren.

Und ich persönlich stolpere daher immer wieder im Gebet: spreche ich doch im Hochgebet: „Mache deine Kirche zu einem Ort der Wahrheit und der Freiheit… damit Menschen  neue Hoffnung schöpfen.“  Nur Transparenz ist hilfreich und keine Geheimniskrämerei; außerdem ist die Wahrheit den Menschen zuzumuten! So aber wird die letzte moralische Kompetenz auch noch verspielt, solange sie in ihrer Doppelbödigkeit , Doppelzüngigkeit, Scheinheiligkeit und unfehlbaren Parallelwelt verharrt.

Nicht umsonst erleben wir in dieser Zeit seit Jahren einen Exodus ohne gleichen; viele Menschen gehen; sie verlassen die Kirche und selbst dafür gibt es lange Wartezeiten, – jedes Jahr eine Großstadt, mehr als 200.000 Menschen.

Das hat an erster Stelle noch nichts mit dem eigenen Glauben zu tun, es ist nur die Aufkündigung der Solidargemeinschaft; Taufe und Firmung bleiben ja. Und manche Entscheidung dieser „Abstimmung mit den Füßen“ hat auch mit Selbstachtung zu tun!

Warum soll ich mich mit diesem „verlogenen Laden Kirche“ herum quälen, wenn er mir weder Lebenshilfe noch Glaubenshilfe ist, und Seel- Sorge im besten Sinne des Wortes nicht mehr stattfindet!  ( In meiner Gemeinde vor Ort erlebe ich – obwohl alle möglichen kath. Käseblättchen anderes verkünden –  Seelsorge findet sehr zuverlässig und regelmäßig statt  in Form von Bettelbriefen mit freundlichen Überweisungsträgern !)….Aber vom Geld hat die Kirche noch nie genug bekommen; davon singt  schon Goethes Faust ein Lied…

Eine  solche Kirche ist entbehrlich, denn sie ist längst eine GmbH; eine Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung!. Wie war noch der Titel eines  Buches des franz. Bischofs Gailliot: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts!“

Genau deshalb bin ich jetzt angekommen  mitten im heutigen Evangelium von Christus als dem lebendigen Weinstock und seiner Bitte: Bleibt in mir, dann bleibe ich in Euch.“

Gleich 9 mal kommt hier das Wort bleiben vor!  Nun es geht ja bei unserem eigenen Glauben und dem Segen für die Liebenden – gleich welcher Art – nur um solche, die –in, durch,  wegen und trotz – allem die lebendige Verbindung zum Weinstock Christus pflegen und halten wollen und genau deshalb sagen: wir sind immer neu in unserem je eigenen Alltag und unserer Partnerschaft auf den Segen Gottes angewiesen, ohne ihn jemals  verdient zu haben!

Vor ein paar Jahren hatten Johannes und Roland mich um eine Segensfeier für sie gebeten; bei der Vorbereitung entschieden wir uns für die wunderbare Weg-Geschichte aus dem Buch Ruth, wo eben im Haus Bethlehem, im Haus des Brotes, sinnigerweise eine Hungersnot ausgebrochen ist, und  die Hauptdarsteller der Geschichte ins Ausland fliehen… Viele Jahre später, nachdem die beiden Söhne gestorben sind, kehrt Noomi zurück und sie möchte, dass ihre Schwiegertöchter „im Grünland Moabs“ bleiben und sich neue Ehemänner suchen. Während ihre Schwester sich verabschiedet und bleibt,  sagt Ruth dieses wunderbare Schlüsselwort:

Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich; und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.!!“

Ich weiß natürlich, dass es in dieser Welt mehr Zeit gibt als Verstand, aber ich kann bis zum heutigen Tag nicht erkennen, dass dieses schöne Glaubenswort nicht auch gelten kann für jede (schwule) Liebe!

Sofern natürlich die Partner überhaupt noch mit  Christus, dem Weinstock, ihre Liebe und ihr Leben  aus Glauben heraus gestalten wollen. Viele  haben ja das Haus des Brotes wegen aktueller Hungersnot längst verlassen…

Nun bin ich nicht Martin Luther, der sagt, hier stehe ich und kann nicht anders, aber ich zitiere ihn nach über 500 Jahren: „ Wo die Kirche glaubt, sich zur Wächterin über den Segen Gottes machen zu müssen, ist sie selbst kein Segen mehr für die Welt!“

Und wenn der gute Reformator  etwa vor 1980 den Beatle John Lennon getroffen hätte, hätten sie vielleicht zusammen das berühmteste Lied „Imagine“ von ihm  angestimmt.

Denn die Liebe (1 Kor.13 ) ist immer die höchste aller Geistesgaben; sie kennt keinen Zweck, sie kennt keine Dogmen, sie kennt keine Vorurteile, sie wünscht aus ganzem Herzen Gottes reichen Segen,

denn

„es ist egal, wen du liebst, wo du liebst und warum, auch wann und wie du liebst – was zählt, ist nur, dass du liebst.“ (Imagine, John Lennon)

Punkt   Aus     Amen

 

 

 

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